Ihr Lebenswerk – nach 70 Jahren

Vom Lepra-Dispensarium zum landesweiten Netzwerk

Als 1956 in einem Slumgebiet nahe der McLeod Road in Pakistan/Karachi eine kleine Gruppe engagierter Helferinnen begann, Menschen mit Lepra medizinisch zu versorgen, geschah dies unter Bedingungen, die heute kaum vorstellbar sind. 

Es gab weder Strom noch sauberes Wasser, keine adäquaten Medikamente und keine Infrastruktur. Zwischen offenen Abwasserkanälen und Müllbergen entstand mit improvisierten Holzkisten ein erstes Behandlungszimmer.

Zu den frühen Initiatorinnen gehörten Beatrix Menezes, Sr. Bernice Vargas, Dr. Anne Rochs und Sr. Mary Doyle. Ihr Einsatz galt Menschen, die nicht nur schwer erkrankt, sondern gesellschaftlich vollkommen ausgegrenzt waren. Im Bewusstsein der pakistanischen Bevölkerung existierten die Lepra nicht. Lepra war damals Synonym für Stigma, Angst und soziale Isolation. Die medizinische Hilfe war zugleich ein Akt der Wiederherstellung von Würde.

Der Wendepunkt: Dr. Ruth Pfau

1960 kam eine junge Ärztin nach Pakistan, deren Entscheidung, zu bleiben und nicht nach Indien weiter zu reisen (ihrem eigentlichen Ziel) , die weitere Entwicklung grundlegend verändern sollte: Ruth Pfau.

Nach ihrem ersten Besuch in der Lepra-Kolonie hatte sie ihre Lebensaufgabe gefunden. Ihr war sofort klar, dass punktuelle Hilfe nicht ausreichen würde. Sie begann, die provisorische Struktur systematisch auszubauen – medizinisch, organisatorisch und strategisch.

1963 wurde in Karachi im Stadtteil Saddar eine Klinik erworben. Der Umzug war nicht konfliktfrei: Anwohner protestierten aus Angst vor Ansteckung. 

Doch durch Aufklärung und Beharrlichkeit wuchs aus dem kleinen einstöckigen Gebäude schrittweise ein modernes mehrstöckiges medizinisches Zentrum – das heutige Head Office des Marie Adelaide Leprosy Centre (MALC).

 

Es schlossen sich weitere Ärztinnen und Ärzte ehrenamtlich an, unter ihnen Dr. Zarina Fazelbhoy, die über Jahrzehnte sowohl medizinisch als auch in der Mittelakquise wirkte.

Unvergessen bleibt auch die im Jahr 2025 verstorbenen belgische Mitschwester von Dr. Ruth Pfau, Jeannine Geuns, die über Jahrzehnte an ihrer Seite wirkte. Mit einem Augenzwinkern sagte sie von sich selbst, sie habe „Backsteine im Bauch“ – und meinte damit ihre außergewöhnliche Gabe, Gebäude zu errichten, Schulen aufzubauen und Räume zu schaffen, in denen Menschen mit Lepra Schutz, Bildung und neue Perspektiven fanden.

Nationale Verankerung und institutionelle Stabilität

Dr. Ruth Pfau

1968 gelang es, gemeinsam mit der pakistanischen Regierung ein nationales Lepra-Kontrollprogramm aufzubauen. In Partnerschaft zwischen Staat und MALC entstanden landesweit spezialisierte Behandlungs- und Kontrollzentren. 

Heute koordiniert das Netzwerk über 150 Einrichtungen mit mehreren hundert Mitarbeitenden. 

Eine tragende Rolle spielte dabei die früh entstandene Verbindung zur Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW). 

Die enge Kooperation ab Beginn der 1960er-Jahre sicherte fachliche Begleitung, Ausbildungskapazitäten und finanzielle Stabilität – Voraussetzungen für nachhaltige Strukturen.

 

Die Rolle der Ruth-Pfau-Stiftung

Seit 1997 unterstützt zusätzlich die Ruth-Pfau-Stiftung die Arbeit in Pakistan. Sie wurde in Deutschland von langjährigen ehrenamtlichen Wegbegleitern von Dr. Pfau gemeinsam mit ihr initiiert und in enger Abstimmung mit der DAHW gegründet. 

Die Stiftung verfolgt das Ziel, das Lebenswerk von Dr. Pfau dauerhaft ideell und finanziell abzusichern. Sie fördert insbesondere Projekte des MALC im Bereich Lepra, Tuberkulose, Gemeindearbeit, soziale Reintegration und zudem ein Mutter-Kind-Programm. Damit ergänzt sie die operative Arbeit der DAHW durch eine langfristige, unabhängige Förderstruktur.

Von der Kontrolle zur Eliminierung

1996 erklärte die Weltgesundheitsorganisation Lepra in Pakistan als epidemiologisch kontrolliert – eines der ersten Länder der Region mit diesem Status. 

Dieser Erfolg war Ergebnis jahrzehntelanger systematischer Arbeit: Früherkennung, kostenfreie Therapie, Rehabilitation und konsequente Einbindung lokaler Gesundheitsstrukturen. In der Folge wurde das Programm erweitert. Man integrierte zusätzliche Gesundheitsbereiche wie Tuberkulose- und Blindheitsbekämpfung. Das Team setzte verstärkt auf Gemeinwesenarbeit und Empowerment. Ehemals Betroffene wurden zu Gesundheitshelferinnen und -helfern ausgebildet – ein Ansatz, der medizinische Versorgung und soziale Teilhabe miteinander verbindet.

Kontinuität in der Führung: Mervyn Lobo

Ein wesentlicher Faktor für die Stabilität des Programms ist die Kontinuität in der Führung. Mehr als drei Jahrzehnte ist es her, dass Mervyn Lobo zum Marie Adelaide Leprosy Centre kam. Was als berufliches Engagement begann, entwickelte sich zu einer engen, vertrauensvollen Zusammenarbeit und persönlichen Freundschaft mit Ruth Pfau. Über viele Jahre arbeitete er an ihrer Seite, lernte von ihr, wie medizinische Präzision, organisatorische Klarheit und menschliche Zuwendung untrennbar zusammengehören. 

Heute trägt er die Verantwortung als Geschäftsführer – nicht nur administrativ, sondern inhaltlich und ethisch. Er führt das Projekt betriebswirtschaftlich solide und strategisch vorausschauend in die Zukunft, zugleich aber im Geist dessen, was Dr. Pfau vorgelebt hat: den Menschen in seiner Ganzheit, in seiner ganzen Würde zu sehen – medizinisch, sozial und persönlich. 

Mervyn Lobo führt das Lebenswerk von Dr. Ruth Pfau konsequent weiter. Er verbindet professionelle Gesundheitsplanung mit einem ganzheitlichen Blick auf die Betroffenen und sorgt dafür, dass die Vision von „Zero Leprosy“ nicht nur epidemiologisches Ziel bleibt, sondern Ausdruck einer Haltung, die Ausgrenzung überwindet und Gemeinschaft stärkt.

Versorgung bis in entlegene Regionen

Das heutige Netzwerk umfasst mobile Kliniken, regionale Gesundheitsstationen, Rehabilitationsangebote und psychosoziale Betreuung. Gerade in abgelegenen Gebieten Pakistans ermöglicht diese Infrastruktur erstmals verlässliche Diagnostik. Frühe Behandlung verhindert bleibende Behinderungen und reduziert Stigmatisierung nachhaltig. In mehreren Regionen treten inzwischen kaum noch Neuinfektionen auf. Die Perspektive einer vollständigen Unterbrechung der Krankheitsübertragung ist realistisch. 

Gleichzeitig bleibt die Herausforderung bestehen, verbleibende Infektionsherde systematisch aufzuspüren und gesellschaftliche Vorurteile weiter abzubauen.

Bilanz und Ausblick

Was 1956 mit einem improvisierten Holzverschlag begann, ist heute ein integriertes Gesundheitsnetzwerk mit nationaler Bedeutung. 

Entscheidend für diesen Weg waren medizinische Kompetenz, staatliche Kooperation, internationale Partnerschaften und die konsequente Einbindung der Betroffenen selbst. Sieben Jahrzehnte nach den ersten Schritten steht das Marie Adelaide Leprosy Centre für Kontinuität, Professionalität und menschliche Nähe. 

Die Vision bleibt klar: eine Zukunft ohne Lepra – und ohne Ausgrenzung.

 
 

LESETIPPS

 
 

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BERICHTE

 
 

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Dr. Ruth Pfau

...können Sie hier im Überblick finden.

Dr. Ruth Pfau († 2017), Lepraärztin und Ordensfrau, kannte Pakistan wie kaum ein anderer Europäer.

Sie hatte dort seit mehr als fünfzig Jahren nach Kranken gesucht und erfolg­reich Hilfe geleistet.

 
 
 
 

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Durch die Ruth-Pfau-Stiftung hat die von der DAHW finan­zierte Lepra- und Tuberkulosehilfe in Pakistan ein weiteres Standbein erhalten.

Stiftungsurkunde

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